Bartningsche Notkirche

Was ist eine “Bartningsche Notkirche”?

Die Notkirchen von Otto Bartning, zu denen auch St. Markus gehört, waren eine architektische Antwort auf die Nöte der Nachkriegszeit, die durch Trümmerlandschaften und Materialnot gekennzeichnet war. Sie waren die ersten Kirchenneubauten nach Kriegsende. Dabei waren und sind die Notkirchen nicht als bauliches Provisorium zu verstehen. “Wir wissen, dass Notkirche nicht nodtdürftigen Notbehelf, sondern neue und gültige Gestalt aus der Kraft der Not bedeutet.” (Otto Bartning, Vom Raum der Kirche)

Notkirche bedeutete auch, Kirche, die den geistig-moralischen Notstand, der durch den historischen Kontext entstanden ist, überwinden hilft, die also auf die Not antwortet.

Unterstützung beim Wiederaufbau

Schon 1942 begannen geheime Verhandlungen zwischen den Evangelischen Kirchen in Amerika und Deutschland. Für die Zeit nach dem Zusammenbruch, von dem man im Ausland überzeugt war, sollte eine bereits ins Leben gerufene Spendenaktion zur Linderung der Notlage durch die Kriegszerstörung beitragen. Der vom “Weltrat der Kirchen” in Genf eingerichtete Wiederaufbauausschuß des “Hilfswerkes der Ev. Kirchen in Deutschland” begann unmittelbar nach Kriegsende mit der Arbeit, die durch die finanzielle Unterstützung vor allem kirchlicher Organisationen der USA und der Schweiz gewährleistet war. Vom Leiter des “Hilfswerkes”, Eugen Gerstenmaier, wurde der Architekt Otto Bartning (1883-1958) mit einem Notkirchenentwurf beauftragt. Sein Bauprogramm basierte auf Erfahrungen serieller Bauproduktion und der Aufnahme der spezifischen Nachkriegssituation (Materialknappheit und Mangel an Facharbeitern).

Bauen aus fast nichts

Mit der Verwendung preisgünstiger, seriell vorgefertigter und leicht montierbarer Konstruktionsteile aus Holz und einfachster Baustoffe bzw. Trümmermaterial entstand ein zweckmäßiger, seiner Funktion angemessener Kirchenbau. Regional geprägte Bauweisen konnten im Plan aufgenommen und der liturgischen Tradition jeder einzelnen Gemeinde angepasst werden.

Wichtiges Merkmal bei der Verwirklichung des Programms war die Kombination von Auslands- und Selbsthilfe. Mit einer Materialspende (statisches Gerüst aus seriell gefertigten, genormten Bauteilen, Fenstern und Türen, Empore, Gestühl) und zusätzlichen 10.000,- $ aus dem Ausland ( LWB) wurde jedes genehmigte Notkirchenprojekt unterstützt. An die Vergabe dieser Spenden waren jedoch Bedingungen für die Gemeinden verknüpft: sie mußten einen Bauplatz vorweisen können und hatten für die Fundamentierung zu sorgen. Erst dann wurden die Holzteile an den entsprechenden Bauort geliefert und innerhalb 1-3 Wochen montiert. Das Außenmauerwerk, bestehend aus örtlichen Trümmersteinen oder anderem vorhandenem Material, war nicht tragend und konnte daher weitgehend von den Gemeindegliedern in Eigenarbeit errichtet werden. Nach einer Gesamtbauzeit von durchschnittlich einem Jahr konnte die Kirche eingeweiht werden.

Unsere Kirche selber bauen

In dem gemeinsamen Akt des Bauens, der Möglichkeit einer persönlichen Identifizierung mit der “eigenen Kirche” drückte sich ein neues, demokratisches Gemeindeverständnis aus, das auch in der fertiggestellten Kirche noch immer spürbar bleibt. Die überschaubaren Raumabmessungen und die warme Atmosphäre der zeltartigen Holzkonstruktion, die Annäherung von liturgischem Zentrum und Gemeinde in der Disposition, beschreiben den gemeinschaftlichen Charakter dieser Architektur. Die Wärme des Raumes sollte zudem Geborgenheit in der zerstörten Umwelt vermitteln.

Im Rahmen des Notkirchenprogramms wurden 48 Notkirchen in den Jahren 1947 bis 1951 geplant, von denen 43 tatsächlich realisiert werden konnten, obwohl die Militärregierungen der vier Besatzungszonen dem Wohnungsbau oberste Priorität zumaßen. Heute bestehen noch 41 davon.

Die 43 Notkirchen sind als Dreigelenk-Nagelbinderkonstruktion errichtete Bauten, deren Breite und Höhe durch die industrielle Präfabrikation der Nagelbinder festgelegt ist. Die nicht tragende Ausfachung der in regelmäßigen Abständen gesetzten Nagelbinder mit Bruchsteinen, Ziegeln oder Trümmern übernahm die Gemeinde genauso wie die Fundamentierung des gesamten Gebäudes mit den darin eingebundenen Binderfundamenten. Z.T. wurde auf noch bestehende Bausubstanz der zerstörten Vorgängerkirche Rücksicht genommen und diese in die Notkirche integriert. Trotz der Normierung und Standardisierung der Bauteile konnte also auf Einzelwünsche der jeweiligen Kirchengemeinde Rücksicht genommen werden.

Die Baukosten beliefen sich für die gebrauchsfertige Aufstellung einer Kirche “mit 450-500 Sitzplätzen, Empore und Gemeindesaal … auf durchschnittlich 70-90.000 DM, also die Hälfte bis zwei Drittel der Kosten einer Kirche gleicher Größe bei normaler Bauweise.”

Beitrag des NDR: Unverwechselbar: Die Notkirchen im Norden